ANDY HOLZER & EVA SPREITZHOFER

UNTER BLINDEN - das extreme Leben des Andy Holzer

Andy Holzer ist 46 Jahre, Extrembergsteiger und seit seiner Geburt blind. Er ist der einzige professionelle Bergsteiger Europas, der nicht sehen kann. Er repariert das Dach seines Hauses und ist seit 25 Jahren mit einer sehenden Frau verheiratet.

Von seinen Eltern wird er wie ein sehendes Kind erzogen, was er als die Ursache seines erfolgreichen Lebens sieht. Er hat gelernt, sich an das Leben der Sehenden anzupassen, die blinde Welt interessiere ihn nicht, sagt er.

Er fährt Rad, geht langlaufen, möchte in jeder Disziplin mit den Sehenden mithalten können. Er bewegt sich an Orten, an denen man normalerweise keine Blinden vermutet: in steilen Bergen, beim Schifahren und Mountainbiken. Als Vortragender vor Führungskräften erklärt er Sehenden die Welt. Normalerweise passiert es umgekehrt.

Sein Buch „Balanceakt“ ist ein Bestseller. Das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, ist gespalten. Artikel rund um den Globus, Talkshows auf der ganzen Welt - im Dorf herrscht mitunter Skepsis über das große Interesse an diesem Blinden, den sie nie als blind wahrgenommen  haben, der die öffentliche Schule besucht hat und mit dem Fahrrad dorthin fuhr.

Ein blinder Extrembergsteiger, wie ist das möglich? Wie funktioniert das? Was hat er überhaupt davon, am Gipfel zu stehen, wenn er ohnehin nichts sieht? Und welche Rolle spielt dieses kleine Dorf und dass Andy Holzer in einer Zeit geboren wird, in der Integration noch überhaupt nicht existent ist? Wie war es möglich, dass er die normale Volks- und Hauptschule besucht hat?

Die Sinnesorgane seien bei Blinden keineswegs besser ausgebildet, erzählt er, die Signale die von den jeweiligen Sinnesorganen ans Gehirn geschickt werden, seien lediglich höher aufgelöst. Er höre das Gleiche, interpretiere es nur anders.

Er habe den Kopf ständig voller Bilder, voller Farben und dreidimensionaler Eindrücke.

Bilder? Farben?

Er habe Farben genau wie ein Sehender im Kopf, erklärt der Blinde, er müsse sie nur dem Bild zuordnen, das er sich durch die vier anderen Sinnesorgane gemacht habe. Das Sehzentrum in seinem Gehirn sei ja in Ordnung, nur die Augen funktionieren nicht. 

„Wenn die Mutter gefragt hat, willst du einen roten Apfel?, und ihn mir in die Hand  gegeben hat, dann hab ich gewusst, wie er ausschaut, weil ich hab ihn ja in der Hand. Der Apfel, wenn er reif ist, ist er rot, wenn er unreif ist, dann ist er grün. Das schmeck’ ich ja und deshalb kann ich das auch zuordnen. Für die Farben brauch ich eine sehende Zuordnung, der Trigger muss von außen kommen. Ihr habt den Sehnerv, der das einschaltet, ich brauch das von außen.“

Der größte Unterschied in der Wahrnehmung zwischen Blinden und Sehenden ist der Überblick.

Wenn Sehende in einen Raum kommen, erfassen sie mit einem Blick den ganzen Raum. Sie erkennen die Größe des Raums. Sie sehen, welche Möbel sich darin befinden, ob es Pflanzen gibt und welchem Zweck der Raum dient.

Wenn eine Person, der der Sehsinn fehlt, diesen Raum betritt, kann sie ihn zunächst einmal hören. Sie hört anhand des Echos, ob der Raum groß ist oder klein. Auch, ob er leer ist oder sich Gegenstände darin befinden, ist zu hören. Vielleicht auch noch, ob es wenige Möbel sind oder viele.

Aber welchem Zweck dieser Raum dient, müssen sich blinde Menschen erst erschließen, indem sie herumgehen, Wände, Ecken, Gegenstände abtasten.

 

Anhand eines Beispiels lässt sich das gut darstellen:

Eine Gruppe blinder Menschen steht rund um einen Elefanten. Eine Person tastet ein Bein ab und sagt: "Aha, der Elefant ist eine Säule", Eine andere steht hinten beim Schwanz und sagt: "Nein, das stimmt überhaupt nicht, der Elefant ist ein Seil. " Eine dritte wiederum steht beim Rüssel und weiß: "Mh, der Elefant ist ein Saugrohr, wie von einem Staubsauger". Jede Wahrnehmung ist richtig.

Um aber ein Bild entstehen zu lassen, dass der Realität möglichst nahe kommt, müssen blinde Menschen erst Puzzlesteine zusammensetzen.

 

Diesen Unterschied „Überblick versus Details“ habe ich versucht, sowohl beim Drehen, als auch im Schnitt zu benützen.

„Schwarz ist es überhaupt nie“, sagt Andy Holzer einmal im Film – daran haben wir uns gehalten. Dunkel ist es nur an den Orten, wo er kein Licht braucht und vergisst, es für uns aufzudrehen.

Die Idee, dem Hören mehr Gewicht zu geben, als dem Sehen, funktioniert im Film nur durch Tricks. Wenn auf der Leinwand nichts Interessantes zu sehen ist, sucht unser Hirn sofort nach anderen visuellen Möglichkeiten. Wir würden den Sessel oder den Hinterkopf des vor uns Sitzenden anschauen, egal, welche Geräusche unsere Ohren wahrnehmen. So habe ich mich entschieden, mit Unschärfen, mit Makro-Aufnahmen, aber auch mit einzelnen Geräuschen und Akzenten in der Musik unsere Aufmerksamkeit immer wieder statt auf den Überblick, der uns so vertraut ist, auf Details zu richten. Und so gelingt es immer wieder einen neuen Blick, eine andere Wahrnehmung zu erzeugen.

 

„Unter Blinden – Das extreme Leben des Andy Holzer“ erzählt von der Bewältigung des Lebens, von Träumen und Grenzüberschreitungen.

Dass Andy Holzer blind ist, ist nur ein Aspekt seines Lebens und dass wir in einer Gesellschaft leben, die Defizite überbewertet, die sich an den Schwächen der Menschen orientiert und nicht an ihren Stärken, merkt jedes Kind schon an unserem Schulsystem.

Wie befreiend es ist, zu seinen Schwächen zu stehen und sich auf seine Stärken zu konzentrieren, erzählt der Film anhand der Geschichte von Andy Holzer und den Menschen in seinem Umfeld auf spannende und witzige Weise.

Der Sänger George Nussbaumer, der 1996 Österreich beim Songcontest vertreten hat, ist ebenfalls blind. Er hat einen ähnlich trockenen Humor, wie Andy Holzer, aber eine völlig andere „Sicht“ auf das Leben und das Blindsein.

Die Auseinandersetzung der beiden über die unterschiedliche Art ihrer Wahrnehmungen bildet einen Höhepunkt des Films.

„Unter Blinden – Das extreme Leben des Andy Holzer“ ist eine Reise von Sehenden in eine Welt, von der uns nur ein Sinnesorgan trennt, die uns fremd und unbekannt ist, obwohl sie eigentlich mitten in unserer liegt. 

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